Egoismus oder Kooperation? Warum die „menschliche Natur“ ein Mythos ist

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Egoismus oder Kooperation? Warum die „menschliche Natur“ ein Mythos ist

Sind Menschen im Kern rücksichtslose Einzelkämpfer oder fürsorgliche Wesen? Die Open Systems Theory zeigt: Nicht unsere Gene entscheiden über Egoismus, sondern die Strukturen, in denen wir leben (B = P × E). Warum Kooperation das wahre Grundgesetz lebendiger Systeme ist.

[Symbolbild, KI] Kreis alter Waldbäume in sonniger Waldlichtung mit Moos für Kooperation und offene Systeme
Symbolbild (KI)

Wie oft hast du in den Nachrichten oder im Büro den Satz gehört: „Der Mensch ist eben egoistisch – am Ende schaut jeder nur nach sich selbst“?

Seit Jahrhunderten wird uns erzählt, dass der Mensch tief im Inneren ein Raubtier sei. Berühmt wurde dieses Bild durch William Goldings Roman „Herr der Fliegen“: Eine Gruppe britischer Schuljungen strandet auf einer einsamen Insel und verwandelt sich ohne die Aufsicht von Erwachsenen angeblich innerhalb kürzester Zeit in gewalttätige Wilde.

Doch fast niemand kennt die echte Geschichte: Im Juni 1965 strandeten sechs tonganische Jugendliche nach einem Sturm auf der felsigen, unbewohnten Insel ‘Ata. Als sie 15 Monate später gerettet wurden, fanden die Retter keine verwahrlosten Barbaren vor, sondern eine perfekt organisierte Gemeinschaft. Die Jungen hatten einen festen Dienstplan etabliert, einen Gemüsegarten angelegt, fingen Regenwasser auf, bauten ein Badmintonfeld und pflegten einen Freund, der sich das Bein gebrochen hatte, monatelang gesund.

Warum glauben wir so beharrlich an die Fiktion vom bösen Menschen, wenn die Realität das genaue Gegenteil beweist?

🌿 1. Die Falle: Die Ausrede mit der „menschlichen Natur“

Wenn in einem Unternehmen Ellenbogenmentalität herrscht, Menschen gegeneinander arbeiten oder im Alltag Rücksichtslosigkeit regiert, zucken wir oft mit den Schultern: „So ist der Mensch nun einmal.“

Doch in der Systemtheorie und der Psychologie wissen wir: Diese Erklärung ist eine bequeme Ausrede. Sie schiebt das Versagen von schlechten Strukturen einer angeblichen „schlechten menschlichen Natur“ in die Schuhe.

Der Psychologe Kurt Lewin formulierte dafür eine fundamentale Erkenntnis: B = f(P × E)Verhalten (Behavior) ist immer das Ergebnis der Wechselwirkung zwischen der Person (Person) und ihrer Umwelt (Environment).

Der Mensch ist kein geschlossener Automat, der rein von inneren Gen-Trieben gesteuert wird. Wir sind offene, zielgerichtete Systeme. Welches Verhalten wir zeigen, hängt maßgeblich davon ab, welche Verhaltensweisen die Umwelt belohnt – und welche sie bestraft.

🌲 2. Wie Strukturen unser Verhalten formen: Zwei Welten

In der Open Systems Theory (OST) nach Fred und Merrelyn Emery unterscheiden wir zwei grundlegende Design-Prinzipien für Organisationen und Gemeinschaften:

  • Design-Prinzip 1 (Hierarchie & Konkurrenz): Eine starre Pyramide. Oben wird gedacht, unten wird ausgeführt. Jeder hat nur sein enges Aufgabengebiet.
    Die psychologische Folge: Menschen werden künstlich in den Wettbewerb um Ressourcen, Anerkennung und Aufstieg gezwungen. Egoismus, Silodenken und Misstrauen sind in dieser Struktur keine Charakterschwäche, sondern die einzige Überlebensstrategie.
  • Design-Prinzip 2 (Selbstorganisation auf Augenhöhe): Gleichberechtigte Teams tragen gemeinsam die Verantwortung für das Ganze. Koordination und Kontrolle liegen in der Gruppe selbst.
    Die psychologische Folge: Vertrauen, gegenseitige Unterstützung und Synergie entstehen ganz natürlich. Kooperation wird zur rationalsten und emotional erfüllendsten Handlung.

💡 3. Das seelische Gleichgewicht: Autonomie UND Homonomie

Der Systempsychologe Andras Angyal erkannte, dass die seelische Gesundheit jedes Menschen auf zwei gleich starken Grundbedürfnissen ruht:

  1. 1. Autonomie: Unser Streben nach Selbstbestimmung, persönlichem Wachstum, Freiheit und eigenem Ausdruck.
  2. 2. Homonomie: Unser tiefes Verlangen, Teil eines größeren Ganzen zu sein – Verbundenheit mit anderen Menschen, der Gemeinschaft und der Natur.

Eine Kultur, die nur den isolierten Individualismus und das Gegeneinander belohnt, verstümmelt das Bedürfnis nach Homonomie. Die Folge sind Einsamkeit, innere Leere und ständige Erschöpfung.

  • Nicht mehr: „Ich muss mich gegen alle anderen durchsetzen, um nicht unterzugehen.“
  • Sondern: „Ich entfalte meine eigene Kraft (Autonomie) am besten, wenn ich gleichzeitig zum Wohl des Ganzen beitrage (Homonomie).“

⏱️ 4. Die 3-Schritte-Übung für deinen Alltag: Prüfe deine Umwelten

Wie kannst du dieses systemische Wissen in deinem täglichen Umfeld anwenden?

  1. 1. Die Struktur durchschauen: Wenn Menschen in deinem Umfeld unkooperativ oder gereizt reagieren, frage nicht: „Was stimmt mit denen nicht?“, sondern: „Welche strukturellen Bedingungen erzeugen dieses Verhalten gerade?“
  2. 2. Den Wettbewerb herausnehmen: Wo kannst du in Familie, Partnerschaft oder Team aufhören, Punkte zu zählen oder Recht haben zu wollen?
  3. 3. Kooperative Räume öffnen: Schaffe Gelegenheiten, bei denen Menschen gemeinsam auf ein Ziel blicken, anstatt sich gegenseitig zu bewerten.

🌱 5. Einladung zur Verbundenheit: Kooperation ist das Gesetz des Lebens

Der Psychiater Roderic Gorney brachte es auf den Punkt: „Kooperation ist das Gesetz des Lebens.“

Schau dir den Wald an: Bäume konkurrieren nicht blind bis zum Tod. Über feine Wurzelnetzwerke und Pilzgeflechte tauschen sie Nährstoffe, Wasser und Warnsignale aus. Der Wald überlebt Jahrtausende, weil er ein kooperatives Meisterwerk ist.

Wir müssen die menschliche Natur nicht reparieren. Wir müssen lediglich aufhören, uns in lebensfeindliche Strukturen zu zwängen – und Räume gestalten, in denen das Beste in uns ganz von allein zum Vorschein kommt.

📚 Literaturhinweise & wissenschaftliche Grundlagen

  • Ackoff, R. L. und Emery, F. E. (1972) On Purposeful Systems. Chicago: Aldine-Atherton.
  • Angyal, A. (1965) Neurosis and Treatment: A Holistic Theory. New York: John Wiley & Sons.
  • Emery, F. E. (1977) Futures We’re In. Leiden: Martinus Nijhoff.
  • Emery, M. (2020) Fiction vs Reality: Compete Unto Death vs Cooperate to Survive – Human Nature vs B=PxE. Sydney: Open Systems Publications.
  • Gorney, R. (1968) The Human Agenda. New York: Simon & Schuster.
  • Lewin, K. (1951) Field Theory in Social Science: Selected Theoretical Papers. New York: Harper & Row.
  • Rasmussen, L. (2024) Seeing Patterns, Processes, Culture, and Consciousness. Maui: Maui Institute Publishing.

Möchtest du Räume erleben, die auf Kooperation und Augenhöhe basieren?

Ob im Perspektiven-Dialog oder bei einem achtsamen Waldgang: Lass uns gemeinsam den Lärm leiser drehen und echte Klarheit finden.

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